Der "goldene erste Satz" - Miri's kleine Präsentationsschule

28.03.2018

Es gibt hunderte von Ratgebern, egal ob als Buch, Kurs oder Webinar. Präsentation für Profis, für Anfänger und für Fortgeschrittene. Viele davon habe ich "verkonsumiert", mich dabei abgeholt gefühlt oder aus meiner eigenen Erfahrung heraus auch gelegentlich vergackeiert gesehen. Und eine liebe Freundin sagte mir neulich: "Bring doch in Deinem Blog mal ein paar Tipps für Menschen wie mich, die nicht immer die große Bühne oder hunderttausend Menschen vor der Kamera rocken, sondern in Konferenz- oder Büroräumen ihre Präsentationen halten. Auf was soll ich da achten?"

Mein erster Gedanke für eine Antwort war übrigens: "Auf Dein Publikum." Und dann dachte ich, neeeee, offenbar möchte sie gerne sowas wie eine Anleitung oder ein Rezept für ihre Präsentation. Und auf das "Auf Dein Publikum" kann ich ja in einem anderen Blogpost noch zurück kommen.

In meinem Workshop für Präsentation und Moderation, den ich selbst einmal im Jahr "für alle, die Lust haben" veranstalte und zwischendurch für Unternehmen und ausgebildete Schauspieler und Sprecher halte, gibt es eine Stelle, an der wir innehalten und uns etwas Zeit nehmen.

Ich halte die Technik für Sprecher, um die wir uns dann kümmern, für sehr wichtig und schenke sie heute und in diesem Blog an Dich weiter. Einfach so. Und ein bisschen eigennützig. Denn auch ich sitze ab und an im Publikum einer Kongressveranstaltung und freue mich riesig, wenn ich nebst Fachkompetenz auch so etwas wie gute Unterhaltung spüre.

Hier ist also der innigste aller Miri-Tipps für Deinen nächsten Vortrag - um was auch immer es gehen wird. Der Tipp ist nämlich allgemeingültig und hilft bei einem wichtigen Kick Off Termin im Unternehmen genau so herrlich, wie bei der Laudatio an Oma Hildegard, bei der die gesamte Sippe im feierlich geschmückten Raum lauert. Er hilft bei einer Präsentation, bei einem Workshop, bei einem Einstieg in eine Moderation und bei der Eröffnung der Familienkonferenz. Es ist:

"DER GOLDENE ERSTE SATZ"

Geh bitte davon aus, dass Du am Anfang einer Präsentation eine sehr hohe Aufmerksamkeit der Gehirne vor Dir im Publikum genießt. Das ist großartig und bedeutet für Dich: Diesen Augenblick der puren, kindlichen Neugierde möchtest Du auf alle Fälle nutzen.

Denn sobald eine Veranstaltung beginnt, egal ob auf einer Bühne oder anderswo, fragen sich die Menschen, die Dir ab jetzt lauschen werden: "Nanu, wer ist denn das? Und was wird wohl jetzt passieren?"

DAS ist DEIN großer Moment. Jetzt hast Du die tolle Gelegenheit, Dein Thema auf poetische, spannende, liebevolle oder witzige Weise in den Raum zu stellen. Und zwar so präsent, dass Dir die meisten Deiner Zuhörer gerne bis zum Ende zuhören und zusehen möchten. Ich habe übrigens mit Absicht die Worte

  • poetisch
  • spannend
  • liebevoll
  • witzig

gewählt. Denn ja, mit einem Thema wie "Der Vorstand plädiert für die Beibehaltung des Checkups 35.02" hast Du auf den ersten Blick wenig poetischen oder witzigen Spielraum. AUF DEN ERSTEN BLICK. Auf den zweiten Hingucker jedoch kann sogar ein rein auf Zahlen und Vergleiche ausgelegter Vortrag einen schönen, ersten Satz werfen.

Die Technik dazu ist ziemlich einfach.

Wir finden im oben genannten Thema genau drei Hauptworte. Vorstand, Beibehaltung und Checkup. Welches davon - isoliert betrachtet - hat zumindest ein minimales Potential für Poesie (Witzigkeit lasse ich jetzt mal aus, das wäre schon sehr fortgeschritten, Poesie ist für's erste genug)?

Ich würde mich für Checkup entscheiden.

Und jetzt geht's los. Wo auf diesem Planeten gibt es überall Checkups?

Gesundheitswesen

PKW's

Neue Softwareinstallationen

Das ist mir auf die Schnelle eingefallen. Vielleicht kennst Du auf Anhieb sogar noch ein paar mehr Checkup-Fälle, die (absichtlich) nichts mit dem eigentlichen Thema des Vortrags zu tun haben.

Ich würde jetzt mal intuitiv Gesundheitswesen nehmen und mir überlegen, wann ich das letzte mal ein POSITIVES Erlebnis mit einem Checkup hatte. Bitte wähle immer ein positives Beispiel aus.

Nachdem ich mich vor langer Zeit entschieden hatte, mich vegan zu ernähren, ging ich nach etwa einem Jahr zum Checkup bei meinem Hausarzt. Er sagte nach einem großen Blutbild zu mir, dass meine Werte sich zum ersten Mal alle im optimalen Bereich tummelten und ich mich blutbildtechnisch um 10 Jahre verjüngt hätte.

Seeeeerhr gut. Das reicht für den ersten goldenen Satz!

Und da es ja ein Satz sein soll, und nicht ein erster Fünfminuten-Einsatz, mache ich jetzt aus diesen Informationen einen guten, einzigartigen Eröffnungssatz für meine Präsentation:

"Nach einem Checkup vor vielen Jahren bei meinem Hausarzt sagte der Doc zum ersten Mal in meinem Leben zu mir: "Frau Deforth, laut Blutbild haben Sie sich um 10 Jahre verjüngt!"

DAS WAR EIN AUGENBLICK, Ihr Lieben, grandios.

Und was hat das jetzt mit unserem Checkup 35.02 zu tun? NICHTS. Aber schön wär's, wenn's auch so brillant ausginge.

Und schon bin ich im Thema.

Und beim Thema Arzt und gute Nachrichten hast Du viele Menschen abgeholt. Sie waren fast alle in ihrem Leben schon einmal bei einer Vorsorgeuntersuchung. Sie kennen die flauen Gefühle, bis das Ergebnis endlich auf dem Tisch liegt und sie wissen, wie cool es ist, wenn der Mediziner im weißen Kittel sagt: "Sie strotzen nur so vor Gesundheit!"

Dieses Bild vom zufriedenen Arzt und vom lächelnden Patienten kannst Du nun als reine Metapher durch den gesamten Vortrag ziehen und immer mal wieder daran vorbeischlittern. Dann hast Du in einem sehr trockenen Thema ein bisschen Schwarzwaldklinik, Dr. House oder Emergency Room - und Deine Zuhörer immer wieder aufmerksamkeitstechnisch am Start.

Auch wenn Dir dieser Einsatz insgesamt vielleicht 5 Minuten Deines Vortrages "verschwendet" - diese Zeit ist gut angelegt. Sie verschafft Dir kleine und größere Zäsuren und den Gehirnen der Zuhörer kurze Pausen. Danach ist die Aufmerksamkeit wieder da und Du kannst mit Zahlen, Graphen und Ergebnissen weiter arbeiten.

Und da Du den ersten "goldenen Satz" poetisch thematisch irgendwie fest legst, ist es auch wichtig, Deine Präsentation mit eben dieser Metapher wieder zu beenden. Wenn also alles durch ist und Deine Zuhörer Deine Inhalte gerne und gut verstanden haben, dann schließe Deinen Vortrag (in unserem Beispielfall) ruhig mit "Ich verrate Euch gerne nachher bei einem Kaffee, wie ich das gemacht habe, mit diesen exzellenten Blutwerten - so viel schon mal: Es lag am Essen, und Essen gibt es ja bei uns jetzt auch. Draußen stehen für Sie Snacks bereit und der nächste Redner ist dann Dr. Icksypsilon mit dem Thema Kermitundalf in einer Viertelstunde. Danke für Ihre Aufmerksamkeit und bis gleich, bei einem guten Kaffee."

Der erste "goldenen Satz" ist nach vielen Moderationen in allen Größenordnungen der Welt für mich nach wie vor einer der wichtigsten und witzigsten Tipps und sehr leicht zu üben.

Du hast Dein Thema?

Gut.

Nimm ein Hauptwort heraus und finde einen Satz dazu, der - Überraschung!! - nichts mit dem eigentlichen Thema zu tun hat.

Packe dieses Konstrukt in einen Satz.

Lauere den Gehirnen im Publikum damit auf.

Und dann - nimm sie alle mit auf Deine Reise. Denn wir alle, ich übrigens auch, lauschen doch wahnsinnig gerne guten und spannenden Geschichten, Vorträgen oder auch ganz einfach Märchen.

Und die fangen ja auch immer poetisch an. Oder liebevoll, oder witzig.

Und wenn Du demnächst mal wieder einen guten Ratgeber für's Moderieren und Präsentieren in den Händen hältst oder Dich einfach zu einem unserer Seminare anmeldest, dann erinnerst Du Dich vielleicht an diesen kleinen Blog mit tatsächlich großer Wirkung. Probiere es gerne mal aus...

In diesem Sinne: Danke für's Lesen und Mitdenken und bis nächste Woche!

Miri