Einem aggressiven Menschen einfach "den Wind aus den Segeln nehmen"

03.05.2018

Da passiert es. Nichts ahnend betrete ich die Tankstelle auf der Autobahnraststätte. Es ist mitten in der Nacht. Ich habe in meinem geliebten Fernsehkaufhaus bis 01 Uhr morgens sportliche Fitness verkauft und spüre einen aufkommenden Muskelkater an Stellen, von denen ich glaubte, da gibt es gar keine Muskeln.

Und sehe beim Einsteigen in mein Auto: Der Tank ist leer. Also beschließe ich trotz Müdigkeit und Uhrzeit, dass ein kleiner Nebenausflug zu einer jetzt geöffneten Refill-Station noch Sinn macht. So weit, so normal.

Nach dem Auffüllen meines Tanks möchte ich den Kassenraum der Raststätte betreten und siehe da - neben der Tür hängt ein großes Schild: "In der Zeit von 23:00 - 05:00 Uhr bitte klingeln".

Die Tür ist also sicherheitshalber geschlossen. Ein Tankwart ist nicht zu sehen. Es gibt eine Klingel. Ich nutze sie. Es ist 01:28 Uhr.

Um 01:30 Uhr hat noch niemand geöffnet. Mein Tank ist voll - und ich habe das Benzin noch nicht bezahlt. Einfach heimfahren und endlich schlafen gehen ist also (noch) keine Option. ich klingele nochmal. Da höre ich ein lautes Gerumpel aus dem Kassenraum und ein noch lauteres "AAARGH!". Ich hoffe inständig, dass der Tankwart das "was auch immer da drin passiert ist" überlebt hat und mir jetzt die Tür öffnet.

Da humpelt der ältere Herr, etwas beleibt, mit weißem Bart in den Kassenraum. Er hält sich seinen Schädel mit der linken Hand. Sein Gesicht ist ziemlich rot. Und er schaut so, dass selbst mein auf positive Wahrnehmung trainiertes Gehirn kurz denkt: Ui, der guckt ganz schön sauer. Gut für mich - ich habe einige Sekunden Zeit, um mich vorzubereiten. Ich atme also durch. Der Kassierer öffnet mir die Tür.

Ich habe noch kein Hallo gesagt, da fährt er mich schon an: "DIE TÜR IST OFFEN GEWESEN!"

Ich sage: "Guten Abend, die Drei bitte."

Er schranzt weiter: "Ich war im Lager und hab Sachen ausgepackt. Sie haben mich mit der Klingel so erschreckt, dass ich mir den Kopf am Regal gestoßen hab'! Ich hab' die Tür gar nicht abgeschlossen. Sie hätten einfach nur zu drücken brauchen."

Aha. Das Gerumpel. Und das AAARGH. Mein Gehirn versteht, was passiert ist. Was nun?

Soll ich mich entschuldigen? Ich meine, jedes normal denkende Gehirn würde doch entscheiden: Der arme Kerl hat sich den Kopf gestoßen. Nur - gab es in dieser Situation einen Schuldigen? Also - da draußen hängt dieses große Schild. Es gibt eine Klingel... ich habe nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt. Und ich hoffe, dass ALLE Leser dieses Blogs mir an dieser Stelle beipflichten. ;-)

Die frühere Miri hätte in einer solchen Lage übrigens nicht nur dezent in einen exorbitant intensiven Prinzessinnen-Zustand gewechselt und dem Tankwart in ähnlich grober Manier gefeedbacked, dass er das verf... Schild nicht aufhängen soll, wenn er die Tür in der Nachtschließzeit offen lässt, sie hätte dabei auch eine ähnlich rote Gesichtsfarbe aufgetragen.

Und dann kommt exakt passend dazu die Frage dieser Teilnehmerin in einem Firmentraining vor ein paar Tagen: Welche Sprachzauberei gibt's denn, für so einen ungerechten, ungehobelten, offenbar unkontrolliert aggressiven Menschen, um ihm direkt hochgradig manipulativ den "Wind aus den Segeln zu nehmen"? Tjaaaaaa - schön wär's, wenn ich Dir jetzt als NLP-Trainerin einfach eine kleine Abfolge an Frage und Antwort zur Verfügung stellen würde, Du würdest sie drei Nächte lang auswendig lernen und ZACK - ist der Tankwart zahm wie ein Lämmchen und bietet Dir einen Rabatt für die Tankfüllung an, weil er selbst einsieht, dass er völlig überreagiert hat.

Erstens: Wenn es diese Abfolge gäbe, würde ich sie nicht hier im Blog kostenlos zur Verfügung stellen, lieber Leser. Ich würde sie für viel Geld erst mal an den Bundestag verkaufen. Und danach vielleicht blogposten. ;-)

Zweitens: Es gibt einen oder sogar mehrere Wege, dem Gehirn des Gegenübers etwas Hilfe anzubieten, ohne dass der Tankwart das großartig merkt - und das ist eben nicht eine Art Vokabelsammlung. Dafür darfst Du Dich mit Deinen eigenen Gefühlen sehr gut vertraut machen.

Allem vorweg: Die These, die ich habe und die dem Sprachzauber zugrunde liegt, den ich Dir gleich schenke, ist, dass Manipulation ständig stattfindet. Mein leerer Tank um 01 Uhr morgens, das Schild an der Tür - all das sind bereits Manipulationsfaktoren, die mich vor die Herausforderung stellen, angesichts meiner eigenen Fehlplanung im Bereich Spritverbrauch schon seeeehr wach zu sein.

Mit welcher Laune habe ich in jener Nacht den Schwung in die Tankstelle gemacht? In diesem Fall und nach vielen Jahren Training kann ich mit solchen Situationen sehr entspannt umgehen und hatte mich bereits eine Runde über mein PKW-Management amüsiert.

ICH WAR'S ALSO NICHT!

Der Tankwart hat sich seine schlechte Laune ganz alleine gebaut.

Und da sind wir bereits an einer wichtigen Stelle. Denn bevor Du IRGENDWAS zu einem gerade sehr aufgeregten Menschen sagst, entspann Dich bewusst. Achte genau darauf, ob sein Verhalten irgendetwas in Dir auslöst. Denn sobald das aggressive Verhalten eines Gegenübers folgende Gefühlsbewegungen erzeugt, ist das Thema mit dem Wind aus dem Segeln nehmen schon komplexer. Zwei aufgeregte Menschen, doppelte Schwingung. Also:

  • Genervtheit

  • Fremdschämen

  • Rechtfertigungsdrang

  • Rechthaberei-Anfall

  • Gegen-Wut

  • Gegen-Wehr

sind keine guten Begleiter für Sätze oder Worte, die nun die Situation in friedlich drehen möchten. Entspannt und ganz bei Dir - das ist der State, in dem ich Dich gerne hätte, wenn Du diese wunderbare Sprachmagie anwenden möchtest.

Für die Pro's unter den Bloglesern: und witzig ;-) !

Und: Es geht nicht um "Manipulation" - die ist sowieso überall. Es geht darum, Dir und dem anderen Menschen die Situation zu erleichtern.

Zauber-Step 1: Menschen, die sehr wütend oder aggressiv reagieren, rechnen mit genau einer Gegenreaktion: Wut und Aggression. Denn was passiert normalerweise? Genau. In Deutschland wird zurückgebrüllt. Deshalb überrasche Dein Gegenüber mit bewusst entspannter Körperhaltung und ruhigem Atem.

Zauber-Step 2: Bleib bei DIR. Der andere hat seine eigenen Probleme, die im Falle von Aggression sowieso nur eine Art Blitzableiter in Dir finden möchten. Im Falle des Tankwarts sagte ich auf seinen Verbalangriff an mich: "Puuuh, und ich bin ganz schön froh, dass ich jetzt hier drinnen bin. Draußen auf einer Raststätte um 01:28 morgens ist kein Kindergarten. Vielen Dank also für's Türöffnen." Natürlich habe ich das so empfunden. Ich treibe mich tatsächlich um diese Zeit lieber in meinem herrlichen Boxspringbett rum, als auf Raststätten.

Zauber-Step 3: Nutze die dadurch entstehende Verwirrung (das andere Gehirn hat ja mit einem Gegenangriff gerechnet), um das Thema auf etwas anderes zu lenken: "Sagen Sie, ist ihr Kaffeeautomat noch an? Ich überlege gerade, ob ich mir jetzt für den Rest der Fahrt noch einen Kaffee gönne." (diese Technik ist ein klassisches Ablenkungsmanöver, das geschickte Mamas bei ihren kleineren Kindern anwenden, um von einem aufgeschürften Knie oder einem gerade nicht verfügbaren Spielzeug abzulenken, wir haben zu dieser wunderbaren Zauberei für Erwachsene einen Podcast aufgenommen - die Folge krame ich vielleicht irgendwann noch raus und verlinke sie hier).

Die Reaktion des Tankwarts war beeindruckend: "Äh...ja... der Kaffeeautomat ist noch an, aber Sie brauchen ein Märkchen darfür."

"Oh, einen doppelten Espresso hätte ich gerne. Schwarz."

"Ja, der kostet dann 3,80 Euro. Hier ist das Märkchen. Sie packen das einfach in den Automaten, der Rest geht automatisch."

"Oh, und ich hoffe, Ihrem Kopf geht's wieder besser. Es tut mir leid, dass Sie sich vorhin verletzt haben."

"Neeee, is' schon wieder besser. Die Klingel ist furchtbar laut. Ich hab mich richtig erschreckt. Sie konnten ja nichts dafür."

"Das stimmt. Na dann, hol ich mir mal den Kaffee und wünsch Ihnen noch eine entspannte und schnelle Schicht."

"Joa, danke und passen Sie beim Fahren gut auf sich auf."

Ich passe immer gut auf mich auf. Dachte ich. Und dann stiefelte ich mit meinem Espresso ins Auto. Ich liebe mein neues, sehr viel friedlicheres und enorm witziges Leben. So sehr. Und ich freue mich über Deine Erfahrungen mit Zaubersprache... gerne hier unter diesem Blogpost.

Danke für's Lesen und Lernen und Üben und danke für die vielen tollen Zuschriften. Als Kommentare und auch per E-Mail. Ihr seid alle so zauberhaft... ganz, wie es sich gehört.

Miriam