EY! Warum guckst Du so fröhlich!!

06.12.2017

Ich habe mal mitgezählt. Heute alleine waren es 21 Menschen, mit denen ich mehr als hallo und tschüss sprach. Dazu kamen 8 Chats mit Fans und Kunden auf Facebook und ein Whats-App-Dialog mit meiner Schwester. Und bis auf vier dieser - ich nennen sie mal - zwischenmenschlichen Interaktionen... waren alle... wie soll ich sagen... sehr traurig. Also, fast der Blues. Und das ist doch auffällig, oder? Sei mal ehrlich zu Dir. Hört und sieht ja jetzt keiner. Wie häufig hast Du heute über Probleme, Schwierigkeiten, die Schwierigkeiten anderer oder den Rheinischen Frühling geredet? Ganz wirklich? Da war vermutlich häufig der Blues dabei. Hier die arme Schwiegermutter, die im Krankenhaus liegt, dort der blöde Arbeitskollege, der seine stinkenden Füße immer unter dem Schreibtisch auspackt, hier die gestiegenen Preise für Deine Lieblingslimonade, dort der Stress mit der Bank oder den Steuern. Offenbar reden Menschen da draußen gerne über die bluesigen Sachen im Leben. Manchmal scheint es mir so, als singt die ganze Welt einen einzigen, traurigen, molligen, fenderlastigen (das war jetzt einer für die Gitarristen) Blues. Hast Du das auch schon mal so wahr genommen?

Und jetzt mal Schluss. Nehmen wir zum Beispiel die äußeren Faktoren: Draußen wird es Frühling. Im Rheinland merken wir Menschen das daran, dass der kraftvolle Profi-Regen in Niesel übergeht und die ganz hartgesottenen Ziergartenpflanzen sich stramm bemühen, trotzig zwei drei Knospen raus zu hauen. Ja, er ist spürbar. Der Frühling. Das wäre schon mal ein Grund zum Frohlocken. Dann ist heute Donnerstag! Donnerstag bedeutet: Bald ist Wochenende. Nur noch der rammdösige Freitag und dann... Füße hoch und den sich aufdrängenden rheinländischen Frühling von der Couch aus und mit vibrierender Ölheizung genießen! Ich finde, so eine Vorfrühlingsstimmung trägt hin zu einer Menge guter Laune.

Und ich hatte für heute einen tollen Tag geplant. Heute morgen - Zahnarzt, Fäden ziehen nach einem Eingriff letzte Woche. Der Blues-Gitarrist in Dir könnte sich jetzt zu Wort melden und Dir zurufen: "Moment mal, Zahnarzt ist jetzt nicht gerade die beste Option, um besonders fröhlich zu sein."

Ja stimmt, vor allem nicht für eine Teleshoppingmoderatorin, die sich bis vor Kurzem noch nächtelang auf einen solchen Besuch "einstimmte" in dem sie vor Angst nicht schlief. Ich bin sogar einmal MIT dem LÄTZCHEN aus der Praxis ins Auto geflohen, um einige Minuten später einen Anruf von der Praxis zu erhalten, dass sie das Silberkettchen, mit dem der Latz befestigt wird, gerne wieder hätten. Im Gegenzuge dürfe ich den Latz behalten. Kein Witz. So geschehen im Juli 2003. Das hat sich Gott sei's gelobet und gepfiffen unterdessen kraftvoll verändert. "Gut" wird der Blues-Gitarrist in Dir einwerfen, "mag sein, dass da keine Angst mehr im Spiel ist. Und Fadenziehen beim Zahnarzt ist schlicht nicht fröhlich." Stimmt auch schon wieder. Außer, ich bin total erleichtert, dass es nur noch das Fadenziehen ist. Denn alles, was letzte Woche um meinen Sechser oben links geschah, setzt Fädenziehen ungefähr in die Kategorie Weihnachtsgeschenk. Also - tutto bene. Und in meiner Welt dürfte sich jeder Zahnarzt glücklich schätzen, wenn eine Patientin mit einer solch heldengleichen, inneren Haltung zum Fädenziehen erscheint.

Meine Zahnärztin, eine tolle Frau mit sicherem Blick und schnellem Heidemann ( das ist dieses Kratzdingens aus Metall mit den beiden Frickel-Enden), belehrte mich eines Besseren. Traurig, beinahe ein bisschen wehmütig, bemerkte sie meine stabil auf "Fadenziehen ist ein Klacks" gefixte Laune und meinte: "Das ist schon eine Seltenheit, dass eine Patientin so fröhlich hier sitzt." Ich schaute ungläubig drein und sie trauerte weiter: "Vielleicht liegt das auch an mir. Ich verkünde eben auch sehr schlechte Nachrichten."(Innerlich begann ich zu beten, dass sie diese Angewohnheit bei mir nicht umsetzen wollen würden möchte.) Ungerührt dessen, dass sie mich deutlich in Gefahr brachte, Fadenziehen doch in die Kategorie "vielleicht nicht so witzig" down zu graden, trauerte sie weiter: "Und es ist auch echt schwer, Frau Deforth, wissen Sie, die meisten Patienten kommen ja hier rein und haben Angst oder Schmerzen oder Sorgen."

Harter Tobak für eine ehemalige Hysteriepatientin. Ich nahm allen Mut zusammen und sagte, dass ich echt froh bin, eine solch sensible Zahnärztin zu haben, die meinen von mir selbst erzeugten, inneren Frühling bemerkt. Und dann legte sie endlich los. Schon beim ersten Arbeitsschritt räusperte sie sich und warf ihrer Assistentin vielsagende Blicke zu. Diese guckte so, als hätte sich eine Art eingepasstes Vakuum in diesem Augenblick durch ihr gesamtes Stammhirn gewalzt. Der Zahnärztin blieb also, mit der Assistentin über meinen Kopf hinweg zu reden. Blicke hatten zu nichts geführt. Und es war so süß. Meine Zahnärztin gab sich eine Riesenmühe, sehr fröhlich zu klingen. "Wie haben eine gute Nachricht!" lachte sie übertrieben über mich hinweg.

"Wir können die Fäden jetzt heraus ziehen!"

"Und?" meldete sich MEIN Stammhirn. "Wie geht der Satz weiter?"

"Uuuuund??" setzte Frau Dr. Fröhlich fort, "da ist noch eine KLITZEKLEINE... Entzündlichkeit... sehr weit oben im... Kiefer. Nichtswirklichdramatisches."

Kurz und knapp: Aus dem zehnminütigen Fädenziehen sollte eine Stunde Kiefernachsorge werden mit lokalem Ausschalter via Injektionen und dem vollen Programm. Und ich war immer noch nicht ganz weg von: DAS HIER WIRD EIN TOLLER TAG! Ja, ich bin da mittlerweile zäh.

Deshalb habe ich während der gesamten Behandlungszeit gesungen. So, wie das eben mit weit offenem Mund geht. Es geht ganz gut. Toll war, als die Assistentin anfing, die Lieder zu raten, die ich gurgelte. "Oh, das war eben Biene Maja!" Ich liebe solche Momente. Ganz ehrlich. Erstens war ich vollständig abgelenkt von Frau Dr. Fröhlich und ihrem Heidemann, zweitens machten die Assistentin und ich ein Quiz draus. Ich gurgelte, die medizinische Dame riet. Dann wechselte ich den Song und das so lange, bis sie den nächsten Hit (meistens aus Kinder-TV-Serien meiner frühen Jugend und Kindheit) erkannt hatte. Wir wurden immer besser. Die Assistentin und ich. Ich lernte mehr und mehr in extrem angespannter Gaumen-Kehlkopflage präzise zu intonieren, sie schwang sich immer deutlicher auf "TV-Serien der späten 70er und frühen 80er Jahre" ein. Das ist übrigens kein Schmu. Genau so geschehen, heute, 10:30 Uhr, Düsseldorf-Oberbilk. Und am Ende haben wir drei uns nach überstandener Behandlung lachend in den Armen gelegen und uns verabschiedet. Und ich bin mit meiner Zahnärztin per Sie! Wir kennen uns privat kein bisschen. Aus Blues mach lustiges Liederraten - in diesem Fall eine passende Maßnahme. Und ich habe keine Ahnung, ob ich den unter einer Wurzelbehandlung auch bringen könnte. WILL ICH AUCH GAR NICHT WISSEN!

Warum schreibe ich das? Es war EIN Beispiel heute, an dem Situationen mit traurigen Mitteilungen starteten. es gab da noch ein paar mehr. Meine Reinemachefrau hat gerade eine Sohn, der nicht gerne zur Schule geht. Mein Vermieter hat eine kranke Frau. Meine Freundin hat ihr Auto beim Ausparken mit einem roten Golf gepaart und meine Katze hat sich heute auf den Schlafzimmerteppich erbrochen . Natürlich. Auf keinen Fall auf die Fliesen daneben. Dann wäre sie nämlich keine Katze, sondern ein Hund. Eine Katze, die den Blues singt, erbricht sich auf den Teppich. Katzeninhaber werden mir da Recht geben (das ist nebenbei eine Hommage an einen der besten Coaches Deutschlands und seine Liebe für Katzen...). Und witzig: Nachdem all diese Menschen (und Katzen) mir ihre Traurigkeit quasi vor die Füße geschüttet hatten und sie mich fragten: "Und wie geht es Dir so?" und ich antwortete: "Hervorragend!" erntete ich meist zunächst ratloses Schweigen. Und dann kamen deutlich witzige Reaktionen. Meine Freundin zum Beispiel fragte mich allen Ernstes: "Warum?"

Oder meine Reinemachefrau (eine phantastische Blues-Sängerin, by the way), die in schönstem rheinländisch kommentierte: "Na, dat is ja auch etwas übertrieben, woll?"

Offenbar, dachte ich mir, sind viele Menschen es deutlich gewohnt, dass es irgendwie bei jedem Probleme gibt. Und diese Menschen atmen fast auf, wenn ihnen diese Probleme ein Gesprächsthema liefern. Und wenn eine Teleshopping-Moderatorin behauptet, es gehe ihr hervorragend, dann ist das grundverdächtig. Und wenn sie das häufig behauptet, ist das sogar äußerst verdächtig. Und überhaupt, über was soll denn dann weiter geredet werden, wenn alles bestens ist...??

Na, zum Beispiel über Pläne am Wochenende, oder den nahenden Frühling und seine deutlichen Vorzeichen, oder über ein neues, veganes Pfannkuchenrezept oder die Beautynight bei QVC oder den nächsten Zahnarzttermin, diesmal mit Schlager-Raten aus dem Ressort: "European Vision Song Contest." Es gibt so viel entspanntes, schönes, über das es sich auch mal zu reden lohnt.

Hey, versteh mich nicht falsch. Wenn etwas trauriges passiert, schreib und sing den Blues. Und vielleicht nur drei Strophen, statt fünfundzwanzig. Denn bei Strophe dreiundzwanzig über die kotzende Katze hab ich mich vielleicht selbst in die Übelkeit gesungen. Das wäre aus meiner Sicht vermeidenswert. Und vielleicht gelingt es Dir ja sogar, den einen oder anderen traurigen Menschen in Deinem Umfeld mit Deiner Fröhlichkeit vor einem Zahnarztbesuch zu überraschen. Oder zum Lachen zu bringen. Und generell: Jeder fröhliche Tag ist ein sehr wertvoller Tag, wie ich finde. Und oft ist Fröhlichkeit sogar ansteckend. Das darfst Du gerne hin und wieder einmal ausprobieren.

Und da ich Fröhlichkeit sehr liebe, singe ich deutlich lieber und zum Aufstehen bereits eine "Up-Tempo"-Nummer (die Blues Gitarristen wissen vielleicht sogar, was das ist) und starte mit der Hoffnung in meinen Tag, dass da draußen immer mehr Menschen den festen Vorsatz haben, sich einen fröhlichen Tag zu machen. Zunehmend. Ja, das passt zum nahenden Frühling.

Bis zum nächsten Mal!

Miri