Immer diese Schönschwätzer... oder: What we see, depends on what we look for...

30.01.2018

Das Wetter ist ein halb durch gegarter Gemüseeintopf. Nicht so richtig kalt, nicht so richtig warm und es nieselt. Die dominierende Farbe dieses untrendigen Kleides der Landschaft ist grau mit leichten Ideen von dunkelschlamm und matschbraun. Die Menschen in der S-Bahn gucken auf ihr Handy. Hängende Mundwinkel. Sehen aus, wie ein Schwarm von Heringen... und beim Ankommen in der Firma hat die Laune meiner Kollegin die passende Farbe zu diesem Gemälde "Frust in Öl".

Ihr erster Satz: "Ich habe das Gefühl, die Zustände in diesem Unternehmen werden immer schlimmer. Außerdem habe ich heute morgen geschlagene 90 Minuten bis zur Firma gebraucht. Die Baustelle auf der A57 ist eine Unverschämtheit."

Aus irgendeinem Grund entscheidet sich mein Unterbewusstsein erst für einen Seufzer und dann zu einem Gähnen.

Ganz anders die Verkäuferin in der Kantine. Als ich mir mein frisches Brötchen zum Frühstück kaufe, lächelt sie mich an und erzählt mir, dass aufgrund der milden Witterung die ersten Narzissen und Krokusse ihre Köpfchen aus den Beeten in ihrem Garten strecken und sie das heute morgen entdeckt hat. Etwas mutig und sicher nicht empirisch nachweisbar behauptet sie, dass das ein gutes Zeichen dafür sei, dass wir einen ganz tollen Frühling erwarten dürfen.

Ja, wer hat denn nun recht??

Beide.

Heute morgen erhielt ich von einer Freundin einen Link zu einem Artikel der WAZ, in der mehrere Studien zur sogenannten "Selektiven Wahrnehmung" behandelt werden. Psychologisch-wissenschaftliche Erklärbärversuche zu etwas, was wir alle im Alltag ständig erleben.

Grundsätzlich bin ich übrigens immer für: Einfach leben und mal drauf achten, was es in Dir so denkt... und manchmal sind solche "wissenschaftlichen Beweise" zum Verständnis unseres komplexen Denkapparates ja ganz nützlich.

Ich meine - wer kennst sie nicht? Diese ewigen Schönschwätzer und verlorenen Optimisten? Diese Sonnenscheinchen ohne Bodenhaftung? Diese flirrenden, leicht esoterisch angehauchten Glücksfinder, die in allem und jedem, was ihnen geschieht beinahe pathologisch etwas gutes sehen wollen. Furchtbar, oder?

Kapieren die denn nicht, wie ernst es um diesen Planeten steht? Wollen die sich ihrer Verantwortung im allgemeinen Jammertal entziehen? Die gehen bestimmt auch nicht zur Bundestagswahl, wenn es um die Zukunft dieses Landes geht. Oder wenn, dann wählen sie eine dieser Blümchenparteien. Passt ja. Sie sehen Krokusse und Narzissenspitzchen, wenn auf der A57 30 km Stau ist. Eine Unverfrorenheit.

Forscher im Bereich der Gehirnstrukturen können dieses "Schönschwätzer-Syndrom" übrigens mittlerweile erklären.

Unser Gehirn fokussiert exakt auf das, was wir gerade für wichtig halten wollen. Wer also bewusst entscheidet, ab jetzt die Schönheiten dieses Planeten wichtiger zu nehmen, als die schrecklichen Ereignisse, der wird morgens nach dem Aufstehen nicht die leere Kaffeedose bejammern, sondern die volle Zahnpastatube feiern. So einfach? So einfach!

Gehirnwissenschaftler haben nämlich herausgefunden, dass unser Gehirn (oh Wunder) dafür geschaffen ist, uns zu dienen - und nicht umgekehrt. Unser Herz arbeitet ja auch tüchtig und fleißig für uns, genau so wie unsere Leber, unsere Lunge oder unser Darm. Das Gehirn gehört zu diesen ganzen "Dienern" unseres Organismus und nimmt alles an, was wir uns so ausdenken.

Wenn also da draußen, so sagt Erhan Genc, Biopsychologe an der Ruhr Universität Bochum, jemand sich hauptsächlich auf die Kriminalität von Immigranten konzentrieren möchte, wird sein Gehirn automatisch zum Detektiv für entsprechende Zeitungs- und Nachrichtenmeldungen. Jemand, der multikulturelle Verschmelzung liebt und gerne mit Menschen aus fremden Ländern spricht und lebt, wird sein Gehirn auf die Jagd nach gegenteiligen Meldungen, zum Beispiel erfolgreicher Integrationsmaßnahmen, schicken.

Deshalb sei gnädig mit ihnen. Mit diesen hoffnungslosen Liebhabern eines schönen und erfüllenden Lebens, so wie meine Verkäuferin in der Kantine des Senders. Vergib ihnen - sie haben ihr Gehirn einfach in die Richtung mit diesem optimistischen Funken Hoffnung geschickt.

Es liefert ihnen von morgens bis abends Beweise dafür, dass dieses Leben voller schöner, kleiner Überraschungen steckt. Sie treffen ständig auf spannende, witzige und tolle Menschen. Sie nutzen Staus auf der A57, um ihr Lieblingshörbuch zu Ende zu hören und reden dann auch noch darüber.

Und sie sehen mitten an einem schlammig verhangenen Anfangfebruar-Tag kleine grüne Narzissenknöspchen aus dem Erdboden lugen und interpretieren sie als Boten eines herrlichen, bevorstehenden, beschwingten, lichtdurchflutenden Frühlings.

Sie wissen nicht, dass sie ihr Gehirn einfach wieder Richtung Realität schubsen könnten und dann würden sie all die kataklysmischen Debakel da draußen auch endlich wieder wahrnehmen.

Hm...

...und wenn sie es wüssten...

würden sie dann lieber die schlimmen Dinge in den Vordergrund schieben wollen?

Ich denke mal darüber nach und dann... dann schicke ich mein Gehirn weiter Richtung Sonnenaufgang... ich bin sehr gespannt, was es mir alles so an Schönheiten liefert. Auch wenn es gar nicht zum Stau auf der A57 passt.

Danke für's Lesen und Mitschmunzeln und bis nächste Woche...

Miri