Quatsch es Dir doch einfach schön!

05.04.2018

Du redest Dir die Sachen immer schön. Das ist aber keine Lösung des Problems. Das ist eine klassische Ansage von meiner Schwester, wenn ich ihr ehrlich antworte, wie es mir geht.

"Ihr beim Teleshopping quatscht Euch auch immer alles schön." Klassische Ansage von Menschen, die ich treffe, und die gerne mit mir "kontrovers investigativ" über meinen Job diskutieren wollen. Und ich dachte oft: Ja, vielleicht ist das ein Fehler. Vielleicht bin ich naiv oder unrealistisch oder "abgehoben" oder ich sollte die Dinge einfach ERNSTER nehmen. Puhhhhh.

Und wenn ich dann gaaaaanz ernst über meine gerade wieder Haarballen auskotzende Katze oder die anstehende Mieterhöhung im Gutshof oder die wissenschaftlich probate Funktionalität von Microfaserbettwäsche gesprochen hatte, schienen meine Gesprächspartner sehr beruhigt. Und irgendwie zufrieden mit mir. Weil: Offenbar ist es gerade für uns bundesdeutsche Mittelschichtler sehr normal, dass es im Leben immer eine gute UND eine schlechte Seite an den Ereignissen oder Dingen gibt. Jawoll. Denn alles, was ausnahmslos gut ist, "hat doch irgendwo einen Haken", oder? Irgendwas muss doch gerade schief laufen, sonst wären wir alle ja vollständig heiter oder gar glücklich und das, das sagten schon unsere Großmütter, gehört sich nicht. Davon sind schon Menschen geplatzt. Oder hab ich da jetzt was verwechselt?

Und jetzt mal "ganz im Ernst": Wenn ich zum Beispiel bei der Haarballenkotzendenkatze bleibe, könnte ich mir sagen: Haaaach, toll, jetzt muss ICH das wieder aufputzen und das STINKT immer so und das ruiniert mir die Grobsteinfliesen in der Küche, wenn das über 1000 mal an der gleichen Stelle passiert und ich verbrauche dafür mindestens drei Zewa und zwei Sprühs vom Universalreinigungsspray und es dauert immerhin geschlagene drei Minuten.

Oder ich könnte sagen (das wäre jetzt quasi der Vorwurf meiner übrigens phantastischen Schwester): Wie toll, dass meine Katze so einen großartigen Stoffwechsel hat und den Kram aus ihrer Fellreinigung selbst auskräkelt. Sonst dürfte ich ja wegen Darmverschlingung mit ihr zum Tierarzt. Und das wäre teurer als drei Zewa. Und schön, dass ich so quasi einen Blick ins Innere meiner Katze werfen darf und meinen Kindern erklären kann, wie modernes Detox bei Katzen funktioniert. Und wie COOL, dass es Ihre Gnaden, also der Katze, jetzt wieder richtig gut geht und sie sich entspannt den nächsten Fellballen in ihren Wanst fressen kann.

Wenn ich so in mich rein fühle, bei der zweiten Variante geht´s zumindest mir eine Spur besser beim Katzenkotzeentsorgen, weil ich schon wieder am Lachen bin.

Und wenn Ihr das als Übung mal tun wollt, macht mal. Bei Mieterhöhungen zum Beispiel. Bei mir kommt dann, nach besonnenem Drüberhindenken sowas raus wie: Toll, dass mein Vermieter jetzt entspannter für Instandsetzungskosten aufkommen kann und dass wir jetzt erst eine Mieterhöhung bekommen. Hätte ja schon früher kommen können. Und für das teure, rheinländische Pflaster, auf dem wir leben, zahlen wir eh einen entspannten Mietpreis, es ist also alles gut. Und vermutlich könnte ich jetzt NOCH mehr schreiben, wenn ich´s "fließen"lassen würde. In den meisten Fällen gelingt mir das schon sehr gut. Und ich trainiere es fleißig. Weil es mir dann besser geht.

Die Findigen unter Euch könnten jetzt sagen: Jaaaaaa, netter Versuch. Und eine Mietpreiserhöhung ist einfach nicht schön zu reden. Das ist Geld, das ich nicht mehr habe, und das fehlt mir ja. Oder die kotzende Katze braucht kein Mensch und eklig ist es obendrein. Dazu kommt die akute Seuchengefahr, die von Katzenkotze landläufig ausgeht.

Die Frage ist, wie es mir dabei geht, wenn ich die Dinge noch negativer mache, als sie es vielleicht sowieso schon sind. Ein Schnupfen (der zweifelsfrei nervt) geht nicht weg davon, dass ich über ihn schimpfe. Oder allen Menschen in meiner Umgebung vorweine, wie entzündlich sich mein rechter Nasenflügel vom vielen Schneuzen anfühlt. Im Gegenteil. Ich persönlich (und ich rede hier bitte nur von mir) habe das Gefühl, dass mein Zustand sich durch das Konzentrieren auf die negativen Effekte eher noch weiter verschlimmert.

Denn wenn ich mit einem dreckigen Witz über Katzen auf den Lippen und dem nachfolgenden Lacher das Zeugnis echter Verstoffwechselung davon wische, hatte ICH wenigstens Spaß dabei. Ändern werde ich die evolutionäre Selbstreinigung von Katzen durch meine schlechten Gefühle sowieso nicht. Sie wird es wieder tun. Ich meine die Katze. Das Kotzen. Außer, ich rasiere sie. Die Katze. Und das hätte, aus meiner Sicht, wieder andere Nachteile.

Und ja, es stimmt, dass mein Beruf im Vertrieb des geliebten, weil wahnsinnigen Fernsehkaufhaus mir dabei hilft. Denn hier gilt es für mich an jedem Tag neu, positive Dinge an Produkten oder Dienstleistungen heraus zu filtern. Auch wenn mir persönlich die grüne Handtasche, die ich verkaufen darf, hundert mal besser gefällt, als die rote. Und erstens weiß ich, dass es da draußen jede Menge Frauen gibt, denen rot einfach besser steht, als mir und zweitens ist das Geschmacksache.

Negativ gesprochen könnte ich sagen: Rot trägt in dieser Saison ja keiner mehr. Oder das ist jetzt schon die dritte rote Tasche im Sortiment. Nur: Was bringt es mir?

Also finde ich für alle rot-affinen Frauen die rote Tasche brillant. Und für mich die grüne. Und ich freue mich, dass wir beide Farben zur Wahl haben.

Ich persönlich bevorzuge es seit neuestem ganz bewusst (und früher war das eher unbewusst), die Schönheit oder die Nützlichkeit der Dinge zu ergründen. Ein Schnupfen kann ein Reinigungsprozess sein, der vielleicht dringend nötig ist. Eine Mietpreiserhöhung kann dafür sorgen, dass ich ENDLICH meine Traumwohnung finde und mich nicht mehr mit halben Sachen zufrieden gebe. Eine kotzende Katze kann länger überleben und damit über viele Jahre innerlich gereinigt zum Schmusen zur Verfügung stehen. Und rote Handtaschen kleiden all die "women in red" da draußen auf´s Allerbeste. Und alle, die grün kaufen, haben Recht.

SO!

Und wenn Du jetzt nach wie vor denkst: Nö, ich WILL mir nicht alles schön reden, weil, da gibt es ja auch die WIRKLICH schlimmen Dinge, da draußen, dann mach doch einfach erst mal das Experiment mit den harmloseren Dingen. Wie Schnupfen. Oder dem Regenwetter. Oder dem 0,3 Cent teureren Sprit. Und wenn Du dann merkst, dass es sich vielleicht besser anfühlt und Du plötzlich drei mal mehr gelacht hast, ist das aus meiner Sicht schon mal ein Fortschritt.

Übrigens habe ich diesen Blog verfasst, weil viele Menschen mich auf facebook fragen: Wie bist Du denn immer so gut gelaunt?

Hier ist einer der wichtigsten "Tricks": Weil ich dafür sorge, dass es mir gut geht. Und dass ich das Leben leicht nehmen darf. Und dass ich viel, viel, viel zu lachen habe. Und da es meiner Katze egal ist, ob ich über ihre Kotze schimpfe oder über sie lache, lach ich lieber. Und schwätz es mir schön.

Und das ist so lustig, dass ich es in jedem Fall vorziehe.

Ich wünsche Dir eine sehr lustige Woche mit viel Anlass zum "Schönschwätzen"-Üben und hoffentlich bald sehr lustigen Geschichten von Dir, hier, unter diesem Blog.

Fühl Dich gedrückt von Deiner

Miriam