Warnung vor dem Leben...

21.02.2018

Psssst. Hörst Du sie auch? ich meine jetzt ausnahmsweise mal nicht die Stimme(n) in Deinem Kopf, sondern die permanenten Warnungen. Sie sind so lieb gemeint. Also, die Androhungen, dass es gleich gefährlich werden könnte. Beim Nachhause-Fahren mit dem Auto, beim Einkaufen mit der nicht ganz geschlossenen Handtasche, im Fernsehstudio, weil hier und da ein Kabel auf dem Boden liegt und an jeder Türklinke, wegen der vielen Außerirdischen, die sich dort tummeln. Also, Viren und Bakterien...

Ich kenne das. Als Kind schon hatten wir eine sehr besorgte Nachbarin, die bei Temperaturen unter 15 Grad auf Mützen und Schals bestand - auch wenn die Horde Kinder vor ihrer Tür schweißgebadet Räuber und Gendarme spielte. Und ich hatte eine Tante, die stets besorgt darüber war, dass meine Schwester und ich uns beim Rollschuhlaufen die Knie aufschlagen - ein Wunsch, den wir ihr regelmäßig erfüllten. In den End-Siebzigern gab es für "Disco-Roller" keine Knieschützer.

Und hey - alle diese Menschen meinten es gut. Das ist bis heute so. In den vergangenen, kalten Januar-Nächten wurde ich regelmäßig intensiv von Kollegen darauf aufmerksam gemacht, dass es auf der Heimfahrt nach der Spätschicht glatt werden würde.

War es nie - und ich wusste zumindest bescheid. Übrigens hätte ich mich auch auf den Heimweg gemacht, wenn es glatt gewesen wäre. Im Studio 1 bei QVC übernachten wäre zwar "fast wie zu Hause" und dennoch keine Option.

Ja, vielleicht ist dieses Leben echt gefährlich. Ich weiß es nicht so richtig. Nicht mehr. Vor einigen Jahren hätte ich mir gedacht: Ja, es lauern überall Gefahren. Im Straßenverkehr, im Job, beim Shoppen in der Innenstadt und beim Fernsehen auf der Couch... ach nee, warte, da nicht. Sonst überall.

Und seit 5 Jahren trainiere ich fleißig, die ungefährlichen Dinge des Lebens wieder wahrzunehmen. Das fängt für mich damit an, dass ich ... vertraue. ich vertraue auf die Erde, die uns einen Boden unter den Füßen stiftet. Ich vertraue auf die Jahreszeiten, die pünktlich alle drei Monate wechseln. Ich vertraue der Sonne, dass sie jeden Morgen aufgeht (auch wenn sie im Winter echt ne faule Socke ist) und ich vertraue meinem Bio-Dealer, der mir das beste, vegane Brot der Welt backt, das ich kenne.

Das war sogar relativ einfach.

Etwas schwieriger wurde es für mich anfänglich mit den Menschen.

Tatsächlich hatte ich immer wieder (auch schon als Kind) davon gehört, wie Menschen einander Böses wollen und tun. Als ich geboren wurde tobte der kalte Krieg - Willy Brandt trat aufgrund einer Spionage-Affäre als Bundeskanzler zurück, die RAF sorgte in Deutschland und der Welt für blutige Schlagzeilen und um Israel tobte nachhaltig wieder einmal ein erbitterter Krieg.

Meine Eltern trauten allerhöchstens sich selbst und unter Genuss von Wein bei Geburtstagsfesten auch mal ihren Freunden. Ansonsten hielten sie die Welt für schön - und gefährlich. Und das wurde mir beigebracht.

Dass ich gelegentliche Überforderungszustände zeigte, wenn ich Menschen kennen lernte, die sich gefühlt vor gar nichts fürchteten oder sogar gut gelaunt und entspannt waren - das können meine geneigten Leser hoffentlich verstehen. Als letzten Erklärungsversuch für unmotiviert fröhliches Verhalten wählte ich "die haben Drogen genommen" oder "die gehören bestimmt einer Sekte an".

Ich traute grundsätzlich jedem alles zu. Außer meiner Mutter. Die halte ich bis heute für einen der ehrlichsten und liebevollsten Menschen, die ich kenne. Alle anderen waren nett zu mir - und vermutlich hinter meinem Rücken keineswegs. Selbstverständlich fand ich dafür Beweise.

Auch ich erlebte schon Betrug, Diebstahl, Untreue - und zwar als Opfer. Kein Wunder, dass ich auf facebook große Distanz hielt, ungern in Länder verreiste, deren Landessprache ich nicht beherrschte und wenn mir ein lieber Mensch ein Geschenk machen oder ein Lob aussprechen wollte, vermutete ich dahinter von Intrige bis Mobbing alle Farbspiele eines miesen Charakters.

Seit mehr als fünf Jahren trainiere ich bewusst, das Vertrauen in die Jahreszeiten oder die Sonne auch in Menschen hinein zu interpretieren. Dieser Weg fing selbstverständlich bei mir selbst an. Wie stark vertraute ich mir? Halte ich mich an meine eigenen Regeln? Wie bewusst und klar gehe ich mit der Ehrlichkeit zu mir selbst um? Wie vertrauensvoll behandele ich mich?

Seitdem begegnen mir mehr und mehr wunderbare, vertrauenswürdige Menschen. Vielleicht strahle ich etwas anderes aus - ich weiß es nicht. Und ich komme mit ihnen ins Gespräch - denn ich schenke ihnen Vertrauen.

Das Thema ist mir in den vergangenen Wochen immer mal wieder auf den Schoß gehüpft - von daher dachte ich mir, dass ich es in mein Blogger-Herzchen aufnehmen sollte.

Und hey - ich möchte hier keine Versprechungen machen. Ich weiß nicht, wie viele Wegelagerer es auf der A3 zwischen Köln und Frankfurt in Wirklichkeit noch gibt und wie viele Haderlumpen täglich meinen Weg kreuzen ohne dass ich es merke. Und wenn ich es nicht merke, dann ist es ja schon mal gut.

Ich weiß lediglich, dass ich mich wohler fühle, seitdem ich Menschen gute Absichten unterstelle.

Ich gebe sozusagen Vorschusslorbeeren. Ich erkläre sie zu vertrauenswürdigen, phantastischen Einzelindividuen, die mir in jedem Fall mit dem, was sie mir sagen irgendeine Art von Geschenk übereignen.

Mal ist es etwas, das mein Herz zum tanzen bringt, mal ist es eine Lektion. In jedem Fall ist es eine wertvolle Information.

Und ich bin sehr dankbar. Denn mein Weg während der vergangenen sieben Jahre war ein für mich heftiger. Viele Ups and Downs und viel Veränderung. Und ich vertraue (wieder).

Das habe ich nicht nur mir, sondern vielen Menschen um mich herum zu verdanken, die mir unendlich viel mehr Kraft und Mut und Spaß am Leben vorleben, als ich es jemals für möglich gehalten hätte - also, dass da noch mehr geht.

Sie alle aufzuzählen, würde den Rahmen dieses Blogs sprengen. Ich bedanke mich einfach bei all meinen Lehrern, vor allem jenen der letzten Jahre, vielen meiner Kollegen beim Fernsehen, bei meinen liebsten Freunden und Freundinnen, die ich in Frankfurt behalten und hier in Düsseldorf neu finden durfte, bei eins bis drei echten Engeln in meinem Leben - und keine Ahnung, warum diese Menschen da sind, es ist einfach nur wunderbar, sie an meiner Seite zu haben - bei all den neuen Sprachzauberern, mit denen ich so gerne Kaffee trinke und über das Leben spreche - und vor allem so gerne lache, bei vielen meiner Fans, die mir regelmäßig witzige, tollkühne, liebevolle und einfach großartige Impulse schicken - und bei meiner Ursprungsfamilie, die meine Veränderungen und Ideen bisweilen mit großer äußerer Ruhe ertragen hat.

Und ein riesiges, goldenes Danke geht an meinen wundervollen Lebensgefährten Florian und die beiden Kinder - wie zauberhaft, dass es Euch gibt.

Ja, ich vertraue viel lieber, als dass ich misstraue. Und angesichts der Menge an Menschen, die sich um mich herum bewegen und denen ich so gerne mein ganzes Vertrauen schenke, ist es fast selbstverständlich für mich geworden, dass ich Menschen einen großen Vertrauensbonus entgegen bringe.

Ich fühle mich besser dabei.

Und ich merke, dass ich viel weniger warne. Ich traue jedem Menschen zu, dass er toll auf sich Acht gibt. Und dass die meisten Menschen genau die richtige Entscheidung für sich treffen.

Ach ja, und ich traue mir zu, bei 0 Grad im Rheinland achtsam nach Hause zu fahren. Übrigens auch bei 30 Grad über Null. Ich traue mir eine Menge zu. Zum Beispiel auch, gute Entscheidungen für mich zu treffen.

Dass andere mich oft warnen, nehme ich als liebevolle Geste an. Und ich wünsche ihnen innerlich manchmal weniger Sorgen und Ängste.

Den besten Spruch zu diesem Thema brachte unser großer Sohn neulich: "Mama, da wurden 100 Jungs gefragt, warum sie eine warme Jacke und eine Mütze anhaben. 5 sagten, weil ihnen kalt sei. 95 sagten, weil ihrer Mutter kalt ist."

In diesem Sinne: Das Leben ist dafür geschaffen, um es zu erleben. Und in den meisten Fällen ist gut für uns gesorgt. Von den Jahreszeiten, der Sonne und im Idealfall auch von uns selbst.

Denn welcher Mensch auf diesem Planeten weiß wohl am besten, was das beste für Dich ist?

Von Herzen liebe, vertrauensvolle Grüße.

Danke für's Lesen.

Miri